Zwei-Minuten-Andacht

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen

Liebe Gemeinde,

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Dieser Vers aus dem Brief an die Hebräer ist der vorgeschlagene Predigttext für den heutigen Sonntag.

Als ich vor Jahren eine Predigt zu diesem Thema schrieb, dachte ich vor allem dabei an die große Flüchtlingswelle: Mir taten die Menschen leid, die alles verloren hatten, die auf der Flucht waren. Sie waren es, die mir in den Sinn kamen, wenn ich an Menschen auf der Suche nach Heimat dachte. Aber selbst auf der Flucht zu sein, selbst auf der Suche zu sein, war für mich sehr weit weg.

Heute höre ich diesen Satz ganz anders:

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Bei allem, was wir gerade durchmachen, klingt das für mich zunächst nach einem sehr pessimistischen Satz. So ohne diesseitige Hoffnung, ganz nach dem Motto: Hier ist jetzt sowieso alles verloren. Freuen wir uns auf das, was kommt. Und dieses Mal trifft der Satz mich mitten ins Herz. Ich fühle mich nicht so weit weg. Ich fühle mich genau angesprochen, aber unangenehm angesprochen.

Das klingt schon wieder nach einer der vielen Vertröstungen, die die Bibel für mich parat hat, wenn mir mein Leben Mühe macht, wenn mir gerade wieder alles zuviel wird, wenn ich traurig bin. Meine Heimat ist im Himmel, liegt also fern von hier, ist sehr weit weg. Außerhalb von Raum und Zeit im himmlischen Jerusalem.

Aber dieser Satz bezieht sich weder nur auf Menschen, die auf der Flucht sind, noch soll er unsere Hoffnungslosigkeit schüren!

Es ist ein Sehnsuchtswort! Suchen meint hier ein ganzheitliches Hinwenden, Ausrichten nach ewig Beständigem. Dabei helfen mir Fragen wie: Woran orientiere ich mich? Wie tragfähig ist mein „Lebenshaus“ und wie kann es lebendig bleiben mit allem, was von uns gerade verlangt wird? Was ist das Wesentliche, das eigentlich Wichtige in meinem Leben?

Und das sind doch die Gedanken, um die ich in den letzten Tagen so oft kreise. Und diese Gedanken finde ich gar nicht so negativ.

Ja, was trägt mich? Ich denke nach: Vieles ist nebensächlich geworden, vieles wurde mir wichtig!

Und letztlich geht es bei diesem Satz natürlich um die Suche nach und die Hingabe an Gott. Von ihm allein bezeugt die Bibel, dass er „bleibend“ ist. Glauben heißt, mit Gott unterwegs zu sein, immer wieder neu aufzubrechen mit und zu ihm.

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Vielleicht ist der Satz aber auch gar nicht so deprimierend, wie er bei mir gerade ankommt. Ich glaube, hier geht es einfach um einen Perspektivwechsel: Hier denkt jemand vom Ende her. Mal kurz weg von den Sorgen, die mich gerade festhalten. Mal kurz gedanklich raus aus dieser Situation. Ich versetze mich jetzt nicht in die Zeit von morgen, auch nicht auf die Zeit nach Ostern oder nach den Sommerferien, ich gehe jetzt mal gedanklich einfach weiter weg und blicke zurück.

Jetzt wird dieser Satz doch ganz tröstend: Von diesem Ende her, das von Gottes Nähe redet, fällt ein Licht auf den Anfang. Auf alle Anfänge in unserem Leben, auch auf den Anfang einer Quarantäne, den Anfang einer Kontaktsperre, auf den Anfang einer Situation, die noch nie da war. Im Licht des von Gott versprochenen Endes der Welt erkennen wir: Nicht wir sind es, die für Vollendung sorgen können und müssen. Nicht wir sind es, die die Menschheit retten müssten. Nicht wir sind es, die diesem Land oder Europa oder gar der ganzen Welt das endgültige Gute zu bringen hätten. Nicht wir sind es, die alles Leid der Welt verhindern oder beseitigen könnten und müssten. Das zu tun hat Gott versprochen, und Gott hält, was er verspricht. Daran glaube ich. Wir sind nicht allein in dieser Welt, nicht allein auf der Suche. Gott ist an unserer Seite, und er will uns auf diesem Weg Zuversicht schenken.

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Was können wir in unserer jetzigen Situation mit diesem Satz anfangen? Vielleicht so: Wer die Perspektive wechselt, kann ruhiger werden, gelassener, aber nicht untätig. Wer darauf hofft, dass Gott die Welt vollenden wird, ist entlastet, legt aber nicht die Hände in den Schoß. Es heißt, dass wir die zukünftige Stadt, also das neue Jerusalem, suchen. Wir sind also auch aktiv und gehen auf die Suche! Wir sollen nicht aufgeben! Wer auf das Ende der Welt sieht, der sucht schon jetzt nach Wegen, wie auch jetzt schon Tränen abgewischt werden. Wer auf das Ende der Welt sieht, dem lassen Leid, Geschrei und Schmerz der Menschen schon jetzt keine Ruhe.

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“ Unmittelbar im Anschluss an diesen Satz lesen wir im Hebräerbrief, wie dieses Suchen konkret wird: „So lasst uns nun durch Jesus Christus Gott allezeit das Lobopfer darbringen, das ist die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen.“ Als solche, die die Perspektive wechseln, sollen wir also Gottes Namen bekennen. Wir sollen sagen, dass wir von Gott her kommen und zu ihm hin unterwegs sind. Wir sollen davon reden, dass wir auf ihn vertrauen. Und wir sollen entsprechend handeln. Der Hebräerbrief fährt fort: „Gutes zu tun und mit andern zu teilen, vergesst nicht; denn solche Opfer gefallen Gott.“

Gutes tun. Ja, das ist wichtig. Aber wie machen wir das denn heute, wenn wir doch gar nicht rausgehen dürfen? Wenn wir doch gar nicht tatkräftig und persönlich den anderen helfen können? Es ist so schwer. Bitten wir doch Gott, dass es uns einfach gelingt. Bitten wir ihn doch, dass er uns zeigt, was wir tun können.

„Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir.“

Der Blick auf das Ende, das Gott dieser Welt bereiten wird, entlastet davon, selbst den Himmel auf Erden schaffen zu müssen. Das tut gut. Und dieses Sehnsuchtswort soll uns zeigen, dass wir Gott nicht egal sind. Er kümmert sich um uns, er ist bei uns auf unserer Suche, auch wenn wir das nicht immer spüren können. Er will uns Zuversicht schenken auf dem Weg, den wir gerade gehen. Und zugleich fällt beim Blick auf das Ende her ein Licht auf das, was heute zu tun ist: Wir legen nicht die Hände in den Schoß, sondern tun Gutes! Fangen wir damit an und beten für die Menschen, die uns am Herzen liegen und für diejenigen, die unser Gebet brauchen. Amen

Schlussgebet

Wir halten gemeinsam Fürbitte

Himmlischer Vater,

du bist unser Gott.

Du rufst uns ins Dasein und bist für uns da.

Dafür danken wir dir.

Und wir bitten dich:

wir haben hier in unserer Welt Angst.

Lass uns nicht verzweifeln in unserer Angst und Traurigkeit.

Gib uns einen Halt und Hoffnung,

optimistisch und fröhlich der Welt entgegen zu treten. auch wenn das gerade sehr schwer fällt.

Gott, wir bitten dich für die Menschen, die zu einer Risikogruppe gehören,

bewahre sie vor Ansteckung.

Gib uns Weisheit und Disziplin, sie zu schützen.

Hilf uns, einen Weg zu finden,

mit der Kontaktsperre, der Einsamkeit und der Angst zu leben.

Gott, wir bitten dich für die Kinder,

gib ihnen Geduld in dieser Zeit ohne Freunde und ohne Schule, ohne Kindergarten.

Hilf ihnen, mit dem Lernen zu Hause zurecht zu kommen.

Gib ihnen Geduld für Ihre Eltern.

Wir bitten dich für die Eltern, gibt ihnen Geduld, Weisheit und langen Atem,

mit ihrer neuen Rolle als Lehrerinnen und Lehrer zurecht zu kommen.

Wir bitten dich für uns alle,

bleibe du Hoffnung und Ziel unseres Lebens.

Lass uns alle nicht müde werden,

von dir und deiner Liebe zu erzählen,

denn wir wissen uns geborgen bei dir.

Und gemeinsam beten wir die Worte, die uns Jesus Christus als Gebet geschenkt hat.

Vaterunser

Vater unser im Himmel,

geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme,

dein Wille geschehe

wie im Himmel, so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld,

wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung,

sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft

und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.