Zwei-Minuten-Andacht

Gnade sei mit Euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus. Amen

Hebräer 13, 1-3

Bleibt fest in der brüderlichen Liebe. Gastfrei zu sein vergesst nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene und an die Misshandelten, weil auch ihr noch im Leibe lebt.

Liebe Gemeinde,

was für ein Text in der heutigen Zeit. Viele wären derzeit gerne gastfrei, aber Corona zwingt uns Abstand auf. Wie viele Geburtstagsfeiern, Familientreffen, Dorffeste und Geselligkeiten sind in den letzten Monaten dieser Pandemie zum Opfer gefallen. Von vielen Menschen schmerzlich vermisst. Auch die Nähe, der schnelle Besuch beim anderen auf eine Tasse Kaffee und ein kleines Gespräch, all das kommt jetzt zwar langsam wieder, ist aber immer noch erschwert. Unsere Unbeschwertheit in Bezug auf Nähe ist weitgehend weg und hat einer durchaus vernünftigen Vorsicht Platz gemacht. Einer Vorsicht, von der wir hoffen, dass sie irgendwann in naher Zukunft nicht mehr nötig sein wird. Aber es bringt auch mit sich, dass wir merken, wie sehr uns das unbeschwerte Zwischenmenschliche fehlt. Wir spüren, wie sehr wir die normale menschliche Nähe vermissen. Das zeigt uns ganz deutlich, wie sehr wir Wesen sind, die Gemeinschaft und Nähe brauchen. Diese Krise hat schon einiges auf den Kopf gestellt und in den Vordergrund gerückt, was vorher nicht besonders wahrgenommen und wertgeschätzt wurde. Denken wir nur an die ganzen Pflegeberufe, bei denen jetzt allen aufgeht, wie viel da geleistet wird und wie schlecht sie bezahlt werden. Oder die Erkenntnisse, was in Großschlachthöfen abläuft – ich gestehe, ich war so blauäugig, dass ich mir darüber nie Gedanken gemacht habe und es für mich ebenso neu wie erschreckend war. Von daher ist es vielleicht gerade ein guter Text für die derzeitige Situation. Denn sie bringt uns Dinge und Missstände zu Bewusstsein, die uns vorher nicht so bekannt waren, sie wirft uns auch ein Stück weit auf uns selbst zurück und bringt uns dazu einen kritischen Blick auf unseren Alltag zu werfen. Wenn wir schon dabei sind, können wir auch gleich noch diese Textstelle des heutigen Predigttextes mit beherzigen.

Der Text steht im Hebräerbrief, ein biblisches Buch, das irgendwie in der Luft hängt, niemand weiß, wer ihn verfasst hat und an wen er sich eigentlich richtet. Man fragt sich, wenn man diese Verse liest, an wen es denn geht. An Orientalen wahrscheinlich weniger, denn in der orientalischen Welt ist Gastfreiheit eine absolute Selbst-verständlichkeit, daran muss man nicht erinnern und erst recht nicht dazu ermutigen. Die Tatsache, dass von Gefangenen und Misshandelten gesprochen wird, scheint darauf hinzudeuten, dass es sich bei den Angesprochenen um Mitglieder einer Gemeinde handelt, die Verfolgung erlebt, in deren Dunstkreis es Gefangene und Misshandelte gibt. Denn wenn wir z.B. auf Leute aufmerksam machen wollen, die am Rande stehen und keine Beachtung finden und die wir nicht vergessen sollten, würden wir wahrscheinlich andere Beispiele wählen. Aber genug der Spekulationen. Schauen wir lieber darauf, ob der Text uns hier und heute etwas zu sagen hat.

Was seine Grundaussage ist, liegt ja klar auf der Hand. Es geht zum einen um gelebte Nächstenliebe und zum anderen um das, was man heute gemeinhin Empathie nennt. Eigentlich ist der einzige Punkt, in dem es um eine Handlung geht, die Aufforderung, gastfreundlich zu sein. Bei den anderen Punkten geht es um eine Geisteshaltung. Die durchaus wichtig ist, auch wenn sie vielleicht nicht unmittelbar etwas bewirkt. Mittelbar aber durchaus. Gerade in der heutigen Zeit lernen wir das, das die innere Einstellung nach außen durchscheint. Und dass es wichtig ist, den Blick zu schärfen und über den Tellerrand zu schauen. Wenn wir nur in unseren eigenen Bezügen leben und nur das sehen, was uns direkt vor Augen ist, kann weltweit Unrecht geschehen. Es geschieht in unserer persönlichen Welt nur das, was wir wahrnehmen. Das Ausgeblendete nehmen wir nicht wahr. Der Text ist eine Aufforderung, sich dem auszusetzen, mehr wahrzunehmen. Es gibt Menschen, die sagen, sie schauen sich keine Nachrichten mehr an, weil sie es so schlimm finden, was überall passiert und weil man doch nichts daran ändern kann. Dabei ändert schon das Hinschauen etwas. Wenn Dinge aus der Unsichtbarkeit ans Licht gezerrt werden, wird es immer auch Menschen geben, die nicht nur hinschauen, sondern auch dagegen protestieren. Und wird die Empörung groß genug, bewirkt sie, dass sich etwas ändert. Ich bin ein Freund von Internet-Petitionen, denen man sich online anschließen kann. Und doch des öfteren wird damit auch etwas erreicht. Durchaus nicht immer, aber oft genug, um Mut zu machen, dran zu bleiben. Dabei ist mein persönlicher Einsatz gar nicht so groß. Aber dazu benötigt es Menschen, die hinschauen. Sich dem Unrecht und den schlimmen Dingen aussetzen, die sie zu sehen bekommen. Und sich als Teil dieser Welt sehen und eine Vorstellung haben, wie das sein muss, z.B. unter absolut menschenunwürdigen Bedingungen leben und arbeiten zu müssen, wie viele der hierher gekarrten Arbeiter aus Osteuropa, die in Schlachthöfen oder auf den Feldern als moderne Tagelöhner arbeiten. Die sich hineinfühlen können in Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten, weil dort nur der Tod auf sie gewartet hätte, die heimatlos in der Fremde sind und dort auch oft nicht gerne gesehen – und dabei doch viel lieber zu Hause wären, wenn es nur gehen würde.

Was in diesem Text verlangt wird, ist einfach nur, sich einzufühlen in andere Menschen und ihre Probleme. Gerade auch die nicht zu vergessen, die aus dem Blickfeld zu verschwinden drohen. Der Schreiber des Hebräerbriefs scheint der Meinung zu sein, das reicht erst mal. Und ich glaube, damit liegt er richtig. Irgendwelche Handlungen resultieren dann schon irgendwann zum richtigen Zeitpunkt daraus. Aber die Gedanken sind der Knackpunkt, damit fängt alles an. Wie heißt es in einem Spruch: Gib acht auf deine Gedanken, denn aus Gedanken werden Worte und aus Worten werden Taten. Das, was wir denken, formt im Grunde unsere Welt, weil wir sie nie anders wahrnehmen werden und nur sehen können, was wir auch sehen wollen oder können.

Mir fällt dazu noch ein, dass ich mal mit meinem Mann ins Gespräch darüber kam, wie das in der Zeit war, bevor wir geheiratet hatten, dass ich oft mit alten, gammeligen, aber bequemen Klamotten rumgelaufen bin, wenn er mich besucht hat. Er hat das so interpretiert, dass ich ihm damit zeigen wollte, wie desinteressiert ich an ihm sei, deshalb würde ich für ihn nichts Schickes anziehen, für mich hat es bedeutet, dass ich mich ihm so nahe und vertraut gefühlt habe, dass ich mich nicht in Schale werfen musste, sondern so sein konnte, wie ich war. Ein und dieselbe Sache, komplett gegensätzlich interpretiert. Und ich würde behaupten, dass das normal ist, dass selbst die neutralste Sache noch eine Menge Interpretationsspielraum hat. Denn sie wird vor dem Hintergrund unserer Gedanken und unserer inneren Einstellung ausgelegt. Deshalb ist es so wichtig, eben schon da anzusetzen, den Blick zu weiten, andere mit in den Blick zu nehmen, die vielleicht etwas weiter weg sind, hinzuschauen und zu überlegen, wie es anderen Menschen, auch in anderen Ländern oder in uns unbekannten oder unvorstellbaren Umständen, damit geht, so zu leben, wie sie leben. Christ sein bedeutet nicht, sich von der Welt zurück zu ziehen, sondern sie wahrzunehmen. Hinzuschauen, mitzufühlen. Sich informieren. Zu sehen, was vor sich geht. Es aushalten. Und dabei versuchen, in die Haut derer zu schlüpfen, die uns vielleicht völlig fremd sind in ihrem Verhalten oder ihren Ansichten. Versuchen, zu verstehen und innerlich nahe zu kommen.

Das ist nicht immer einfach, ich kann verstehen, wenn es manchem einfach zu viel wird, was da an Leid und Katastrophen auf uns einstürmt, wenn wir alles ungefiltert zulassen. Ich gebe zu, dass es einfacher und bequemer ist, nicht zu wissen, wo z.B. das billige Fleisch oder die extrem billigen Wegwerfklamotten herkommen, unter welchen Bedingungen die Tiere gehalten werden und wie Menschen in Billiglohnländern, aber leider teilweise auch hier bei uns, zur Weiterverarbeitung oder Herstellung ausgebeutet werden. Aber einfach ist uns nicht versprochen. Kein Schlaraffenland, in dem uns alles zufliegt, während wir bequem in einer Hängematte vor uns hin schaukeln. Stattdessen ist Verantwortung gefragt. Wir sollen unseren gottgegebenen Auftrag annehmen und wahrnehmen, der darin besteht, auf die Erde, die uns gegeben ist, zu achten, die Schöpfung zu bewahren und unseren Nächsten zu lieben – der manchmal räumlich auch ganz schön weit weg sein kann. Dann, ja dann kann es uns passieren, wenn wir uns jemandem zuwenden und unsere Tür und unser Herz öffnen, dass wir ohne unser Wissen Engel beherbergt haben, dass wir von einem Hauch Gottes gestreift werden, dass die Ewigkeit in unser irdisches Dasein eingebrochen ist und sich unversehens die Wertigkeiten umdrehen und wir am Ende nicht mehr als die Gebenden, sondern die Beschenkten dastehen. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen