Zwei-Minuten-Andacht

Die Osterzeit unter dem Zeichen des Kreuzes

Es ist das Symbol der Christen und vor allem der Osterzeit und des Karfreitags natürlich: das Kreuz.  Ich möchte das Kreuz mal ganz bewusst, ganz groß wahrnehmen, und seinen Anblick nicht zu Seite schieben. Heute müssen wir uns ihm stellen! Vielleicht sind wir in der Osterzeit noch aufmerksamer, noch feinfühliger, wo wir das Kreuz überall entdecken.

Das Kreuz – es begegnet uns eigentlich so oft im Alltag. Und an den meisten Stellen, an denen wir es sehen, weist es uns auf den Tod hin. Am Straßenrand stehen geschmückte kleine Kreuze, die an tragische Unfälle erinnern. Schlägt man die Tageszeitung auf, so findet man Kreuze auf den Trauer­anzeigen. Auch dort steht das Kreuz für den Tod. Auch hier auf dem Altar – ganz groß und prominent werden wir an Jesu Tod am Kreuz erinnert.

Ich habe gelesen, dass in einer Stadt Bauarbeiter das Kreuz mal für einen Tag aus der Kirche entfernen mussten. Das meterhohe Holzkreuz mit dem gekrümmten Körper des Gekreuzigten lag auf dem Vorplatz. Entsetzte Passanten schlugen einen Bogen um das Kreuz, Kinder kreischten. Es hagelte Proteste. Den Menschen war auf einmal bewusst geworden, welch brutales Symbol des Altarraum ihrer Kirche zierte.

Ja, das Kreuz. Es ist in vielerlei Hinsicht ein Symbol für den Tod. Andererseits tragen viele Menschen auch Kreuze als Schmuckstücke um den Hals. Die Konfirmanden bekommen ihr eigenes kleines Kreuz als Kette an der Konfirmation überreicht. Dabei ist das Kreuz ganz feierlich. Und in vielen Häusern hängt auch ein Kreuz, vielleicht über dem Eingang oder über dem Bett. Schlimm finde ich, dass in manchen Regionen in den letzten Jahren eine Debatte darüber geführt wird, dass man zwangsweise die Kreuze in öffentliche Gebäude hängen soll oder auch nicht. Das hat nichts mehr mit einem ehrlichen und freiwilligen Bekenntnis zu Jesus Christus zu tun sondern das hat etwas von Streitlust.

Wenn ich mir ein Kreuz als Kette um den Hals hänge, dann mache ich das nicht, um zu streiten, dann mache ich das auch nicht, um mich tagtäglich an den Tod zu erinnern, das wäre ja völlig verquer, sondern es erinnert mich eher an das Leben, an mein Leben als Christin.

Das ist das Kreuz mit dem Kreuz!

Das Kreuz ist doch irgendwie ein paradoxes Zeichen. Es erinnert uns an Jesus, und es bedeutet Tod und Leben gleich­zeitig. Mit Jesu Tod zeigt Gott uns auch das Leben. Diese Tradition ist uns in Mitteleuropa irgendwie abhanden ge­kommen, finde ich. In der orthodoxen Kirche ist das viel präsenter. In Armenien wird das Kreuz zum Beispiel meistens als Lebensbaum dargestellt. Das Kreuz als Zeichen des Todes wird selbst zum Leben. Ja, es gibt die Tradition, dass das Kreuz, an dem Jesus hingerichtet wurde, aus dem Baum des Lebens aus dem Paradies selbst entstammt. Damit ist das ganz deutlich: Das Holz-Kreuz ist ein Zeichen für Tod und Leben.

Die Theologin Dorothee Sölle schreibt dazu:

„Sie haben es einfach nicht geschafft, ihn kaputt zu machen, bis heute nicht. Er lebt, er geht weiter, er öffnet Blinden die Augen, er macht Lahme gehend … Und diese Liebe zum Leben, die in Christus ist, die lässt sich nicht kaputt kriegen … Und dieses Leben erscheint immer wieder im Schatten des Kreuzes … Erlösung ohne das Kreuz ist … so eine Art Kuschelgott.“

Ja, ich denke, jedem von uns ist klar, dass in unserer Welt nicht alles heiter Sonnenschein ist. Wir sehen, dass man auch zu unrecht ganz unten sein kann. Wir sehen, dass es den Guten schlecht ergeht und den Bösen gut. Aber Gott zeigt uns: Wir sollen daran nicht verzweifeln. Denn er ist gerade da, wo das Leid ist.

Und so ist eben unsere Welt. Sie ist kein reiner Wohlfühlort, kein riesiger Wellnessbereich, und wir müssen in ihr zurecht kommen. Aber wir sollen die Hoffnung nicht aufgeben! Christ sein heißt auch, sich einsetzen und gewaltlos kämpfen in dieser Welt. Und dabei werden wir immer wieder Niederlagen hin­nehmen müssen. Aber: Es zählt, dass wir die Hoffnung nicht aufgeben! Und dass wir standhalten.

Auch darum geht es an Karfreitag: Standhalten und Aushalten.

Karfreitag heißt: wir stehen im Angesicht des Gekreuzigten. Und wir müssen jetzt hinschauen! Standhalten! Wir dürfen nicht zu denjenigen gehören, die gern wegsehen, die vor allem Leid die Augen versschließen, die über den Tod nicht reden wollen, die die Gedanken an den Tod am liebsten wegschieben. Das ist ungesund.

Aber natürlich ist es so: Das Standhalten verlangt viel. Viele von uns haben die persönliche Erfahrung gemacht und haben Angehörige beim Sterben begleitet. Das ist eine schwere Auf­gabe, aber zugleich ist sie notwendig und wichtig. Dem Sterben zuzusehen, stellt uns natürlich auch vor den eigenen Tod. Und vielleicht auch vor Schuld gegenüber dem Leben. Und die erste Reaktion darauf ist Weglaufen.

Bei Jesu Tod war das sicher auch so, aber: die Menschen um ihn herum hielten letztendlich stand. Und die christlichen Gemeinden halten solidarisch stand, wo gelitten und gestorben wird.

Was nehmen wir von diesen Kreuzesgedanken an Karfreitag mit in den Alltag?

Für mich ist das Kreuz ein Zeichen von Tod und Leben, von aufkeimender Hoffnung und ein Zeichen als Ermahnung zum Standhalten.

Wenn ich heute auf das Kreuz sehe, dann möchte ich in aller Stille trotzdem das Leben spüren. Vielleicht brauche ich das gerade in dieser schnelllebigen Zeit: Eine Zeit für mich, um auch mal traurig sein zu können, Ich brauche Zeit, Traurigkeit anzunehmen und einen endgültigen Abschied zu verarbeiten, um dann wieder voller Leben nach vorn sehen zu können.

Wenn ich heute auf das Kreuz sehe, dann möchte ich spüren, dass bei allem Leid in der Welt Hoffnung in mir keimt – Hoffnung, dass wir es können, nämlich dem Schwierigen in dieser Welt Paroli zu bieten, dass wir etwas erreichen.

Wenn ich heute auf das Kreuz sehe, dann möchte ich Mut mit in den Alltag nehmen und das Standhalten lernen. Das Stand­halten und das Mitgehen finde ich große christliche Aufgaben, die Gott uns durch Jesus Christus gezeigt hat. Und ich glaube, dass wir das in unseren Möglichkeiten lernen können.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen